Rolf Lauter – Homage to Lawrence Weiner II – 12/2021

John Baldessari, Lawrence Weiner und Rolf Lauter @ Views from Abroad: European Perspectives on American Art, MMK Frankfurt at the Whitney Museum of American Art, New York 17.10.1996. Photograph: Axel Schneider, Frankfurt
Ausstellungskatalog BLICKACHSEN 4 – Skulpturen im Kurpark Bad Homburg v. d. Höhe
   18.05. – 05.10.2003

Auf Einladung von Christian Scheffel konnte ich als Direktor der Kunsthalle Mannheim im Jahr 2003 die inzwischen weltweit bekannte Skulpturenausstellung „Blickachsen 4“ im Kurpark und in der Stadt von Bad Homburg kuratieren. Damals wurden im Park und im öffentlichen Raum über einen längeren Zeitraum künstlerische Gestaltungen gezeigt, die sich im weitesten Sinn mit den Kategorien ‚Raum’ und ‚Zeit’ auseinandersetzten.

Das Ausstellungsareal von „Blickachsen 4“ konzentrierte sich innerhalb des Kurparks vor allem auf die Gartenlandschaft, die um zwei Sichtachsen angelegt ist, erstreckte sich sodann auf einen zweiten Standort um das Rathaus und die Ecke Ferdinandstraße / Kaiser-Friedrich-Promenade, und endete schließlich bei einem dritten Standort im Schlossgarten. In diesen drei topographischen Bereichen wurden insgesamt 30 Werke von 20 internationalen Künstlern sehr behutsam in den landschaftlichen oder architektonischen Kontext eingebunden.

Die Werke von Lawrence Weiner, dem zweiten der in der Ausstellung vertretenen konzeptuellen Künstler, bestehen meist aus Texten, die Inhalte in sprachlicher Form thematisieren, ohne dass dabei auf die Ausdrucksqualitäten von Materialien, Gestaltungen oder Gegenständen zurückgegriffen wird. Sie können auf eine Wand gemalt werden, in Form eines Zertifikats auf Papier geschrieben oder in einem Katalog gedruckt sein. Immer verwendet Weiner Schrift in Druckbuchstaben, um jede Individualität des Ausdrucks zu vermeiden. Seine Arbeiten bewegen sich auf einem klar umrissenen Grat zwischen der Wirklichkeit der Sprache und der Wirklichkeit des Inhaltes. Beide Bereiche treffen sich auf verschiedenen Ebenen und eröffnen dem Betrachter zahlreiche Interpretationsansätze. Weiner macht uns die Bedeutung der Sprache bewusst,  indem er Texte formuliert, die teils allein aus sich selbst heraus einen spezifischen, metaphorischen oder abstrakten Sinn ergeben, teils aber auch gedankliche Konkretionen spezifischer bildlicher Vorstellungen sind. Das Lesen ist gleichzeitig der Betrachtungsprozess und dieser wird als das Lesen selbst interpretiert.

Weiner hatte an den beiden Eingangsfassaden des Rathauses in Bad Homburg mit Klebebuchstaben eine Textarbeit aus parallelen Teilen in deutscher und englischer Sprache angebracht, die aber weniger die Inhalte der Kunst als vielmehr ihre Wahrnehmung thematisierte. Der deutschsprachige Text lautete:

GRÜNES GLAS                                

GEBROCHEN

IM TAGESLICHT

[WEISS]

MILCHGLAS                                    

GEBROCHEN

IM LICHT DES SONNENUNTERGANGS

[ROT]

BRAUNES GLAS                               

GEBROCHEN

IM MORGENLICHT

[BLAU]

Der englischsprachige Text lautete:

GREEN GLAS                                           

BROKEN

IN THE LIGHT OF DAY

[WHITE]

MILK GLAS                                     

BROKEN

IN THE LIGHT OF SUNSET

[RED]

BRAUNES GLAS                               

BROKEN

IN THE MORNING LIGHT

[BLUE]

Mit seiner Textarbeit bezog sich Weiner auf Wahrnehmungssituationen, die sich bei der Betrachtung der genannten Glasarten – sichtbar am Rathaus oder anderen beliebigen Gebäuden der Umgebung – zu einer bestimmten Tageszeit ergeben. Auch wenn die Information, die der Künstler uns gibt, scheinbar banal und für jeden verständlich ist, haben wir es in der heutigen Zeit doch fast vollständig verlernt, diesen Licht- und Wahrnehmungsphänomenen nachzuspüren, sie als romantischen Bestandteil unseres Alltags zuzulassen. Gehen wir etwa am Morgen in aller Frühe in die Stadt, erfahren wir das frische, kalte, blaue Morgenlicht in komplexer Brechung,  an zahlreichen Glasfassaden, die unsere tägliche Weltwahrnehmung prägen. Gehen wir im Mittagslicht durch eine Stadt, steht die Sonne am höchsten und alles erstrahlt in hellem, weißen Licht, wirken Hausfassaden besonders plastisch und einprägsam durch die präzisen und scharfen Licht-Schatten-Kontraste. Am Abend hingegen wird ein Spaziergang durch die Stadt zu einer Erfahrung der besonderen Art, weil alle Häuser, Strassen, Gehwege in ein weiches rötliches Licht getaucht sind und man in eine eigentümlich reflexive Stimmung versetzt wird.

In den Glasflächen von Hochhäusern oder einfachen Geschäftshäusern spiegeln sich täglich immer wieder ähnliche und doch auch wieder andere vielfältige Ereignisse des Alltags: Häuser, Autos, Fußgänger, Vögel, Himmel oder Wolken. Weiner möchte uns mit seinen ‚schriftlichen Verweisen’ die Realität und das, was sich in ihr ereignet, ins  Bewusstsein bringen, möchte unsere Gedanken auf die Bedeutung der subjektiven Wirklichkeits- und Welterfahrung lenken, die unsere Existenz und insgesamt unser Leben begleitet. Und gerade die Wahrnehmung des Lebendigen, des sich Verändernden und insgesamt die Erkenntnis der unsere Existenz bedingenden Kategorien Raum und Zeit werden für uns mit der lesbaren Kunst von Lawrence Weiner zu einem gedächtnis- und identitätsstiftenden Element unseres Daseins.

Rolf Lauter

Veröffentlicht von Rolf Lauter Art Blog

Assistant Curator Galerie Margarete Lauter 1963-1967; Curator Galerie Lauter Mannheim 1967-1984; Studies at Universität Heidelberg 1972-1984: Art History, Classical Archeology, Christian Archeology, Romance Studies, Philosophy; Deputy Director MMK Frankfurt am Main 1984-2002; Director Kunsthalle Mannheim 2002-2007; Commissioner Fine Arts Mannheim 2008-2009; Art Scout One 2009-2010; Swiss Art Institution Karlsruhe 2009-2012; Art Lab Mannheim 2009-2014; Art Lab Heidelberg 2009-2014; Art Lab Berlin 2009-2014; Swiss Art Council 2010-2025. Art Scout, #Curator, Museum Director, Cultural Strategies, Cultural Urban Development, Museum Concepts, Global Art Management, Global Culture Management, Art Labs, Future Labs, Exhibitions, Art Projects, Books, Writings, Art, Art History, Modern Art, Contemporary Art, Art in public Space.

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