
Gerne erinnere ich mich an die vielen Treffen, Gespräche, Begegnungen mit Roger Fritz mit Beginn meiner Zeit als Direktor der Kunsthalle Mannheim, in der ich von Anfang an die Öffnung der Sammlung in die „reale Gegenwart“ begonnen hatte. Neben der Einbeziehung einer Reihe internationaler künstlerischer Positionen, war es auch ein besonderes Anliegen, die kulturelle Biografie der Stadt Mannheim aufzuarbeiten und einige der wichtigen künstlerischen Positionen ihrer Geschichte und Gegenwart in das Ausstellungsprogramm und in die Sammlung zu integrieren. Zu den ausgewählten Positionen gehörte neben Robert Häusser und Horst Hammann vor allem auch der seit den 70er Jahren in München lebende Roger Fritz, mit dem mich seit unserer ersten Begegnung eine freundschaftliche Beziehung verband.
Seit Beginn der 2000er Jahre besuchte ich Roger mehrfach in München und wir durchstöberten sein Fotoarchiv anhand von Fotos, Kontaktbögen und Negativen nach den Werkgruppen und Aufnahmen, die für einen ersten repräsentativen Überblick in der Kunsthalle geeignet wären. Besonders interessiert war ich von Anfang an an den magischen Schwarz-Weiß-Porträts von Romy Schneider aus den 60er Jahren, an der Werkgruppe der farbigen Setfotos zu Fassbinders „Querelle“ aus dem Jahr 1982 sowie an einer Reihe seiner motivisch herausragenden Schwarz-Weiß Aufnahmen von Natur und Gesellschaft oder auch an Porträts berühmter Persönlichkeiten. Schließlich fand ich mit den koloristischen Abstraktionen mit dem Motiv des Wassers eine weitere sehr eigene Werkreihe, die ich neben der Einzelpräsentation in der Kunsthalle im Jahr 2005 in größerem Umfang ebenfalls in der Ausstellung „artscoutone: Zeitgenössische Kunst aus Mannheim“ im Jahr 2009/2010 in den Gängen der Universität Mannheim im Schloss zeigen konnte.
Schließlich war es mir möglich, als Kurator und Management Director der Swiss Art Institution in Karlsruhe im Jahr 2012 eine Werkgruppe mit Fotografien von Romy Schneider und eine zweite mit Beispielen aus der Serie „Querelle“ zu zeigen. In den letzten Jahren traf ich Roger mehrmals in der Galerie Flash in München und wir wollten in den nächsten Jahren noch mehrere thematische Projekte realisieren. Es war eine fruchtbare, diskursive und erkenntnisreiche Freundschaft, die mich mit Roger verband und ich bin ihm für so viele gute Gespräche, Gedanken und Erfahrungen sehr dankbar.

Biografie
Roger Fritz wurde am 22.09.1936 in Mannheim geboren. Er arbeitete als Regisseur, Autor, Produzent, Schauspieler und Fotograf. Zunächst versuchte er sich zunächst als Bäcker und Kellner, begann dann eine Ausbildung zum Großhandelskaufmann. 1955 lernte er den Fotografen Herbert List in München kennen und assistierte ihm gelegentlich. Fritz begann zuvor selbst zu fotografieren und nach ersten Veröffentlichungen in der amerikanischen Zeitschrift Life erhielt er zweimal den begehrten Photokina-Preis (1954, 1956). Es folgten umfangreiche Reportagen für Holiday, Quick, Bunte, Stern, Geo, Merian, Kölner Stadtanzeiger, Magnum, Vagabund und die französische Vogue. 1959 war Roger Fritz Mitbegründer der Zeitschrift twen. 1961 studierte er an der UFA-Nachwuchsschule für Schauspiel und Regie in Berlin.
Bei Luchino Visconti, der einen ständigen Stab von acht Assistenten unterhielt, studierte er Film. Bei dessen Operninszenierungen in Spoleto fungierte Fritz als „1. Regieassistent“. Für kurze Zeit assistierte er bei Pasolini und Bertolucci und in Amerika, wo er für zwei Jahre lebte, war er Giancarlo Menottis Regie-Assistent. Anfang der 1960er Jahre spielte er in Luchino Viscontis Filmen „Boccaccio 70“ (I/F 1961 mit Romy Schneider) und „Il Gattopardo“ (I/F 1962). Daneben entstehen außergewöhnliche Fotografien beim Filmset.
In Deutschland dreht Roger Fritz als Regisseur Filme wie „Mädchen, Mädchen“ (1966) – (seine erste Frau, die Schauspielerin Helga Anders, erhielt für die Hauptrolle den Bundesfilmpreis), „Häschen in der Grube“ (1968), „Mädchen mit Gewalt“ (1969) und „Zwischen uns beiden“ (1971). 1963 drehte Fritz seinen ersten Kurzfilm „Verstummte Stimmen“, ausgezeichnet mit dem Bundesfilmpreis. Sein zweiter Kurzfilm „Zimmer im Grünen“ erhielt das Prädikat „Besonders wertvoll“. In mehreren Filmen, unter anderem von Rudolf Thome (Fremde Stadt, 1972), Sam Peckinpah (Steiner – Das Eiserne Kreuz, 1976) und Rainer Werner Fassbinder (Berlin Alexanderplatz, 1980, Lili Marleen, 1981, Querelle, 1982) war Fritz auch Darsteller. Als Setfotograf schuf er zudem ikonische Bilder unter anderem von Udo Jürgens in der Badewanne oder von den Beatles beim Schlittenfahren. Zudem entstanden zahlreiche Porträtfotos bekannter Schauspieler, Regisseure, Politiker und Menschen von der Straße oder Frauen von der Reeperbahn. So entstanden berühmte Porträts von Romy Schneider, Uschi Obermaier, Anthony Quinn, Franz Josef Strauß, Freddy Mercury, Rainer Werner Fassbinder u.a. 1982 werden die Szenenfotografien von Roger Fritz im Filmbuch zu „Querelle“ von Rainer Werner Fassbinder veröffentlicht. (https://www.artforum.com/print/reviews/201206/querelle-photographed-by-roger-fritz-31256)
Gemeinsam mit anderen Münchener Jungfilmern hatte sich Roger Fritz inzwischen in der Stadt seiner Wahl niedergelassen. „Wir wohnen fast alle im gleichen Schwabinger Viertel, zwischen zwei Häuserblocks. Harro Senft, Alexander Kluge, Peter Schamoni, Vlado Kristl und die ganze Bande derer, die schreiben, drehen, kurzfilmen und fotografieren. Wir essen im gleichen Restaurant, trinken Kaffee im selben Café, tanzen im gleichen Beat-Schuppen.“
2002 entsteht das Fotobuch „MUC People„, in dem er das Flair und die Menschen Münchens festhielt. Für seine Reportage über St. Pauli für das Magazin Quest wurde der Fotograf 2007 mit dem Lead-Award ausgezeichnet. Zusammen mit Ottfried Fischer entstand 2010 die Hommage an die Süddeutschen „Extrem Bayrisch„. 2011 gewann er in Oldenburg den „German Independence Honorary Award“ Filmpreis. In den Achtziger und Neunziger Jahren führte Roger Fritz als Gastronom in München mehrere Lokale: „Pappasito“, „Mamasita“ und „Visconti“.
Noch am 9. November eröffnete er seine neueste Vernissage in München. Nur 20 Tage später ist klar: Roger Fritz ist verstorben. Er wurde 85 Jahre alt. Seine bisher einzige Museumsausstellung fand 2005 in der Kunsthalle Mannheim statt. Weitere umfangreiche Präsentationen wurden 2006 im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt, 2009 in der Noah Galerie Augsburg und in der Terminus Galerie München, 2012 in der White Columns Galerie New York, in der Veneklasen Werner Galerie Berlin, sowie im Horst Jansen Museum in Oldenburg realisiert.
„Ich hatte immer eine gewisse Respektlosigkeit, aber fabelhafte Manieren“, sagte Roger Fritz, der herrlich unbescheiden sein konnte, ohne überheblich zu klingen. (https://www.sueddeutsche.de/leben/roger-fritz-fotograf-prominente-film-1.5160551?reduced=true). Mitte Januar 2022 wird im Schirmer Verlag sein Buch „Boulevard der Eitelkeiten“ erscheinen.

Roger Fritz: Naturwelten – Kunstwelten
Kunsthalle Mannheim
18. September – 30. Dezember 2005
Einführung
Der in Mannheim geborene Fotograf, Filmproduzent, Regisseur und Schauspieler Roger Fritz wurde bereits in den 50er Jahren für seine ersten Fotoarbeiten mit Auszeichnungen und Preisen bedacht.
In einer für den Bildjournalismus der 50er Jahre ungewöhnlichen Art, fand Fritz seine Motive nicht in entlegenen Ländern, vielmehr suchte er vor der Haustüre nach den kleinen Gesten und Zeichen, die seine Bilder zu einzigartigen Dokumenten ihrer Zeit werden lassen. Die Tatsache, dass sich Fritz dem zu fotografierenden Milieu anpasst und dort von den Akteuren kaum wahrgenommen wird, ermöglicht es dem Fotografen frei zu agieren und so authentisch wirkende Bilder zu schaffen. Bis heute sind seine Fotos bei vielen Zeitungen und Zeitschriften gefragt. Eine Vielzahl fotografischer Beiträge finden sich in Stern, Bunte, Geo, Merian.
Es ist die Lust am Sehen und das Ziel atmosphärische Bilder zu schaffen die Roger Fritz antreibt. Von 1961 bis 1963 besuchte Fritz die UFA-Nachwuchsschule für Dramaturgie in Berlin und leitete somit einen neuen Abschnitt in seinem künstlerischen Schaffen ein. Als Regieassistent arbeitete Roger Fritz bei Luchino Visconti in Italien sowie bei Gian Carlo Menotti in New York. In den 60er und 70er Jahren schrieb er für zahlreiche Filme Drehbücher und führte selber Regie. Darunter der Film „Mädchen, Mädchen“ wofür die Hauptdarstellerin Helga Anders den Bundesfilmpreis erhielt. Als Produzent von Spielfilmen machte er sich darüber hinaus einen Namen. Schließlich stand er in über 80 Spielfilmen als Darsteller vor der Kamera.
In der Mannheimer Ausstellung sind drei Werkgruppen an Fotografien zu sehen, die zwischen den Welten der Natur und der Kunst hin- und her pendeln. Spiegelungen auf der Wasseroberfläche, die sich in einer der jüngeren Werkgruppen manifestieren, intensive Naturbilder in Schwarz-Weiß von Wäldern im Schnee, Waldszenerien mit den Lido Girls aus Paris oder dem Porträt des jungen „Andreas“ im stillen Wasser, enthüllende, treffende, ausdrucksstarke oder auch verletzlich realistische Porträts bekannter oder unbekannter Menschen, wie etwa den berühmten Setfotos von Romy Schneider, den von den Spuren des Lebens gezeichneten Bildnissen von Anthony Quinn, den fröhlich im Winterurlaub auf Schlitten fahrenden Beatles, den exzentrisch selbstdarstellerischen Regisseuren Luchino Visconti und Rainer Werner Fassbinder, einem Liebespaar in einem Kölner Park und schließlich die Werkgruppe der artifiziellen und grellfarbigen Szenenfotos aus Rainer Werner Fassbinders letztem Film “Querelle” offenbaren einen spannungsvollen Bogen an bildnerischen Positionen, bei denen die Wahrnehmung des Fotografen stets über die Grenzen des “nur Sichtbaren” hinausgeht. In den Fotografien von Roger Fritz verdichten sich Augenblicke von Weltwahrnehmung und schöpferischem Sehen zu magischen Bildern, die inzwischen zu ikonischen Bildwelten unseres kulturellen Gedächtnisses geworden sind.
Rolf Lauter










Photograph: Thomas Henne, Mannheim.

Photograph: Thomas Henne, Mannheim.

Photograph: Thomas Henne, Mannheim.

Photograph: Thomas Henne, Mannheim.

Photograph: Thomas Henne, Mannheim










Roger Fritz – Schwarz-Weiß-Fotos der 1950er bis 1970er Jahre










Roger Fritz: Romy Schneider, Paris 1961 & als „Pupé“ in Luchino Viscontis „Bocaccio 70“, 1962









Roger Fritz: Rainer Werner Fassbinder – Querelle, Setfotos 1982













Roger Fritz: Abstract, 2000-2005












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